Ein Mann und ein Roboterkopf sehen sich an

KI ist keine Technologie - sie ist eine Kulturfrage

Wenn man in diesen Tagen durchs Büro läuft – egal ob physisch oder durch den endlosen Slack-
Kosmos – begegnet man einer merkwürdigen Mischung aus Faszination und Fluchtreflex. Die einen sprechen mit KI-Systemen, als hätten sie endlich die ideale Assistenz gefunden. Die anderen befürchten, die Assistenz könnte demnächst ihre Aufgaben übernehmen. Und irgendwo dazwischen sitzen all jene, die noch nicht wissen, ob sie beeindruckt, irritiert oder beleidigt sein sollen.

Dabei lohnt sich eine andere Perspektive:
KI ist nicht einfach ein Tool. KI ist ein neues Teammitglied.

Eines, das erstaunlich viel kann, keine Pausen braucht und nie einen schlechten Tag hat – aber auch eines, das wir sehr ernst nehmen müssen. Nicht, weil es gefährlich wäre, sondern weil wir dazu neigen, ihm Aufgaben und Denken zu überlassen, ohne zu reflektieren, ob das eigentlich sinnvoll ist.
Und genau das wäre fatal. KI ist ein leistungsstarker Kollege, ja – aber einer, der uns nur so gut unterstützt, wie wir ihn führen. Und darin liegt bereits die erste kulturelle Herausforderung.

Was KI ist – und was sie nicht ist

Entzaubern wir das Ganze kurz: KI ist nicht intelligent. Sie wirkt intelligent, aber sie operiert wie ein
hochmotivierter Statistiker auf Espresso: Sie erkennt Muster, verdichtet Informationen, spuckt
Wahrscheinlichkeiten aus – und das in einem Tempo, das für Menschen schlicht nicht erreichbar ist.
Der Eindruck von Verständnis entsteht eher aus der Geschwindigkeit und Eleganz der Ergebnisse als
aus echtem Denken.
KI ist kein digitales Genie und erst recht kein Algorithmus-Gott. Sie ist ein System aus Daten, Energie,
menschlicher Arbeit und einer immensen technischen Infrastruktur. Kate Crawford hat in Atlas of AI
eindrücklich beschrieben, wie viel menschliche und materielle Arbeit in diesen Systemen steckt –
weit entfernt von der Idee eines autonomen Superhirns. KI ist also nicht der neue Chef im Team,
sondern eher der Kollege, der viele Tabellen schneller sortiert bekommt, aber keine Ahnung hat,
warum die Meetings eigentlich stattfinden.

Warum uns diese Technologie so beschäftigt

Dass KI die Debatten dominiert, liegt weniger an ihrer technischen Brillanz als an ihrem kulturellen
Sprengstoff.
Auf der einen Seite erleben wir Faszination: Endlich eine Technologie, die uns langweilige Aufgaben
abnimmt, dokumentiert, analysiert, formuliert – manchmal sogar besser, als wir es selbst tun
würden. Die Aussicht, Zeit zu gewinnen, wirkt wie ein Versprechen auf eine bessere Arbeitswelt.
Auf der anderen Seite sitzt die Angst mit im Meetingraum. Nicht die Science-Fiction-Angst vor
Robotern, die uns ersetzen wollen, sondern die viel bodenständigere Sorge, dass unser eigener Wert
plötzlich ins Wanken gerät. Brynjolfsson und McAfee sprechen in The Second Machine Age genau
davon: Technologie überholt den Menschen nicht, weil sie „menschlicher“ wird, sondern weil sie
skalierbarer ist. Und Skalierbarkeit hat in Organisationen schon immer für Druck gesorgt.
Die Wahrheit liegt, wie so oft, dazwischen: Unsere Angst ist weniger eine Reaktion auf Technik als auf
kulturelle Unsicherheit.

Sollten wir Angst haben? Ein klares „Jein“

Natürlich gibt es Risiken, aber sie liegen nicht dort, wo wir instinktiv hinschauen.
Gefährlich wird KI nicht, weil sie uns überlegen wäre, sondern weil wir ihr zu schnell Autorität
zuschreiben. Wenn wir aufhören, nachzufragen, zu prüfen, zu reflektieren, geben wir nicht nur
Aufgaben ab – wir geben Verantwortung ab.
Wir sollten also keine Angst vor KI haben, sondern vor einem unreflektierten Umgang mit ihr. Die
eigentliche Gefahr entsteht, wenn wir Systeme Entscheidungen treffen lassen, ohne zu wissen, wie
sie zu ihren Ergebnissen kommen. Oder wenn wir glauben, Emotionen ließen sich zuverlässig aus
Gesichtsausdrücken lesen. (Spoiler: tun sie nicht.) Hier beginnt der Bereich, in dem kritisches Denken
durch blinden Glauben ersetzt wird – und das ist kulturell hochriskant.

Was KI mit Führung macht

Und genau hier wird es für Führungskräfte richtig spannend.
KI zwingt Führung dazu, wieder zu dem zu werden, was sie sein sollte: ein aktiver, denkender,
reflektierter Teil der Organisation.
Früher reichte es vielleicht, Tools einzuführen und Prozesse zu optimieren. Heute reicht das nicht
mehr. Führung muss klären, warum eine KI eingesetzt wird, wofür und mit welchen Grenzen. Sie
muss die Unsicherheiten im Team auffangen, den Diskurs gestalten, Erwartungen moderieren und
ein Bewusstsein dafür schaffen, dass KI kein Ersatz für Urteilsvermögen ist.
David De Cremer spricht in The AI-Savvy Leader davon, dass Führung im KI-Zeitalter zu einem
Kulturauftrag wird. Führungskräfte müssen nicht nur Entscheidungen treffen, sondern die
Technologie begleiten wie ein Coach eine außergewöhnlich begabte, aber hochsensible Spielerin. KI
ist mächtig – aber nicht selbstreflektiert. Und das bedeutet:
Führung muss wieder führen.

Klare Entscheidungen, transparente Kommunikation, Mut, Lernbereitschaft – all das wird wichtiger
denn je. Wer KI in Teams einführt, ohne die kulturellen Auswirkungen zu bedenken, riskiert Verunsicherung, Abhängigkeit, Vertrauensverlust – kurzum: kulturelles Chaos.
Wer sie bewusst einführt, kann dagegen eine unglaubliche Dynamik freisetzen.

Wie KI unsere Arbeitswelt verändert

Die Veränderung passiert längst. Arbeit wird hybrid: Routinen wandern zu Systemen, während
Menschen sich stärker auf das konzentrieren, was sie einzigartig macht – Kreativität, Empathie,
Kontext, Nuancen. Der Mensch wird nicht ersetzt, sondern neu positioniert.
Doch dieser Wandel muss begleitet werden. KI kann uns produktiver machen – oder uns kulturell
aushebeln. Sie kann Befähigung fördern – oder Micromanagement ermöglichen. Sie kann
Transparenz schaffen – oder Überwachung normalisieren. Es ist ein Werkzeug, das Gutes verstärken
kann und Schlechtes ebenfalls. Genau deshalb braucht es eine bewusste Kultur, die klar definiert,
wofür wir KI nutzen und wofür nicht.

Fazit: Die Zukunft der Arbeit ist eine Frage der Haltung

KI ist ein neues Teammitglied. Eines, das nie müde wird, viel möglich macht und manchmal ein
kleines Ego hat, wenn man es falsch füttert. Aber es ist kein Ersatz für Menschen – sondern eine
Einladung, Arbeit neu zu denken.
Nicht die Frage „Wie intelligent ist KI?“ entscheidet über unsere Zukunft, sondern die Frage:
„Wie klug sind wir im Umgang mit ihr?“
Wenn wir KI reflektiert, neugierig und bewusst einsetzen, wird sie uns nicht entmündigen, sondern
unterstützen.
Sie wird uns nicht ersetzen, sondern verstärken.
Und sie wird nicht die Führung übernehmen – wenn Führung bereit ist, selbst wieder das zu tun, was
sie am besten kann: Orientierung geben.

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